Netzausbau 2026: Bundesregierung beschließt 45 neue Stromleitungen

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Beim Netzausbau 2026 setzt die Bundesregierung einen neuen Schwerpunkt. Am 29. April 2026 hat sie einen Gesetzentwurf zur Änderung des Bundesbedarfsplangesetzes beschlossen. Damit sollen 45 neue Stromleitungsvorhaben in den Bundesbedarfsplan aufgenommen werden. Weitere 13 bestehende Vorhaben sollen geändert werden.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche will den Ausbau des Übertragungsnetzes damit stärker an Bedarf, Tempo und Kosten ausrichten. Im Mittelpunkt steht ein Kurswechsel bei neuen großen Gleichstromleitungen: Sie sollen künftig grundsätzlich wieder als Freileitung geplant werden und nicht mehr vorrangig als Erdkabel.

Die Bundesregierung begründet das mit niedrigeren Ausbaukosten. Freileitungen können deutlich günstiger sein als Erdkabel. Gleichzeitig bleibt offen, ob der Wechsel in der Praxis immer schneller ist. Wenn Projekte neu bewertet oder technisch umgeplant werden müssen, kann das zunächst auch zusätzlichen Aufwand in Planungs- und Genehmigungsverfahren auslösen.

Warum der Netzausbau wichtiger wird

Der Beschluss kommt zu einem Zeitpunkt, an dem das Stromsystem stärker belastet wird. Wärmepumpen, Elektromobilität, Industrieprozesse, Rechenzentren und der Ausbau erneuerbarer Energien erhöhen den Bedarf an leistungsfähigen Netzen.

Gleichzeitig entsteht viel Windstrom im Norden und auf See, während große Verbrauchsschwerpunkte im Süden und Westen Deutschlands liegen. Zusätzliche Übertragungsleitungen sollen diesen Strom über größere Entfernungen transportieren, Netzengpässe verringern und die Versorgungssicherheit stärken.

Grundlage des Gesetzentwurfs ist der Netzentwicklungsplan Strom 2023–2037/2045. Die Bundesnetzagentur hatte diesen Plan bereits am 1. März 2024 bestätigt. Da die darin enthaltenen zusätzlichen Leitungsmaßnahmen in der vergangenen Legislaturperiode nicht mehr vollständig im Bundesbedarfsplangesetz verankert wurden, soll der Bundesbedarfsplan nun aktualisiert werden.

Was konkret geplant ist

Der Regierungsentwurf umfasst 45 neue Netzausbauvorhaben. Dazu gehören 39 Wechselstrommaßnahmen, drei Gleichstromverbindungen zu anderen Ländern, die Gleichstromvorhaben DC42 und DC42plus sowie die Offshore-Anbindungsleitung NOR 6-4.

Für die neuen und geänderten Vorhaben soll die energiewirtschaftliche Notwendigkeit und der vordringliche Bedarf gesetzlich festgestellt werden. Das ist für die weiteren Verfahren wichtig. Der grundsätzliche Bedarf einer Leitung muss dann nicht in jedem Genehmigungsschritt erneut geklärt werden.

Außerdem sollen länderübergreifende und grenzüberschreitende Vorhaben stärker gebündelt werden. In vielen Fällen ist die Bundesnetzagentur zuständig. Das soll Verfahren vereinheitlichen und Verzögerungen vermeiden, wenn eine Stromleitung mehrere Bundesländer oder Staatsgrenzen betrifft.

Freileitung statt Erdkabel: günstiger, aber nicht ohne Risiko

Der sichtbarste Kurswechsel betrifft neue Höchstspannungs-Gleichstromleitungen. Solche Leitungen transportieren große Strommengen über weite Strecken. Nach dem Entwurf sollen neue Vorhaben dieser Art grundsätzlich als Freileitung gebaut werden.

Damit rückt die Bundesregierung von der bisherigen Linie ab, bei großen Gleichstromtrassen stark auf Erdkabel zu setzen. Der Grund ist vor allem wirtschaftlich: Freileitungen sind in vielen Fällen deutlich günstiger. Da die Kosten des Netzausbaus über die Netzentgelte finanziert werden, ist die Frage auch für Haushalte, Gewerbe und Industrie relevant.

Ganz ausgeschlossen bleibt Erdverkabelung aber nicht. Der Entwurf lässt Ausnahmen zu, wenn ein Erdkabel technisch erforderlich ist, wenn ein Abschnitt mit einer bestehenden Erdkabeltrasse gebündelt werden kann oder wenn ein Erdkabel auf einem bestimmten Teilabschnitt kosteneffizienter wäre als eine Freileitung.

Genau hier dürfte die Debatte weitergehen. Die Bundesregierung setzt auf geringere Kosten und eine schnellere Bauphase. Kritiker werden dagegen fragen, ob neue Freileitungsplanungen vor Ort mehr Widerstand auslösen und ob bereits begonnene Planungen durch Umstellung zunächst Zeit verlieren könnten.

Die technischen Bezeichnungen DC42 und DC42plus sollten nicht isoliert gelesen werden. Dahinter steht der SuedWestLink beziehungsweise eine Erweiterung dieses Vorhabens.

Der SuedWestLink ist eine geplante Höchstspannungs-Gleichstromverbindung zwischen Schleswig-Holstein und Süddeutschland. Er soll große Strommengen aus dem Norden in verbrauchsstarke Regionen im Süden transportieren. Für Leserinnen und Leser ist deshalb weniger die Projektnummer entscheidend, sondern die Funktion: Es geht um eine große Nord-Süd-Verbindung im künftigen Stromsystem.

Gerade dieses Projekt zeigt aber auch, warum der Wechsel von Erdkabeln zu Freileitungen nicht nur eine Kostenfrage ist. Wenn die technische Ausführungsvariante noch vom künftigen gesetzlichen Rahmen abhängt, kann das die weitere Projektarbeit beeinflussen. Freileitungen können also günstiger sein, eine Umstellung kann aber zunächst zusätzliche Abstimmungen erforderlich machen.

Neue Stromverbindungen nach Dänemark, Großbritannien und in die Schweiz

Zum Paket gehören auch neue grenzüberschreitende Leitungen. Genannt werden unter anderem Verbindungen nach Dänemark, Großbritannien und in die Schweiz. Solche Interkonnektoren sollen den Stromaustausch mit Nachbarstaaten verbessern und das europäische Stromsystem enger verbinden.

Das ist für Deutschland aus zwei Gründen wichtig. Einerseits kann Strom flexibler über Grenzen hinweg genutzt werden. Andererseits können zusätzliche Verbindungen helfen, das Stromsystem stabiler zu machen, wenn Erzeugung und Verbrauch regional nicht zusammenpassen.

Mit dem weiteren Ausbau von Windenergie und Photovoltaik wird diese Flexibilität wichtiger. Strom entsteht nicht immer dort, wo er gerade gebraucht wird. Das gilt innerhalb Deutschlands, aber auch im europäischen Verbund.

Was der Netzausbau für Netzentgelte und Stromkosten bedeutet

Der Regierungsentwurf macht deutlich, dass der Netzausbau zunächst hohe Investitionen auslöst. Für die neu aufzunehmenden Vorhaben werden rund 44,65 Milliarden Euro als einmalige Investitionsausgaben über einen mehrjährigen Zeitraum geschätzt.

Diese Kosten wirken sich auf die Netzentgelte aus. Gleichzeitig lässt sich das künftige Netzentgeltniveau nach Einschätzung des Entwurfs nicht verlässlich vorhersagen, weil viele Faktoren eine Rolle spielen.

Für typische Haushaltskunden nennt der Entwurf grob eine Größenordnung von etwa 30 bis 35 Euro netto pro Jahr. Für typische Gewerbekunden werden etwa 400 Euro netto pro Jahr genannt. Diese Werte sind keine feste Strompreisprognose, sondern eine grobe Abschätzung unter bestimmten Annahmen.

Gerade deshalb ist der Streit über Freileitungen und Erdkabel so politisch. Es geht nicht nur um Technik und Trassenführung. Es geht auch darum, wie stark die Kosten des Stromsystems künftig auf Verbraucherinnen, Verbraucher und Unternehmen durchschlagen.

Warum weniger Netzengpässe langfristig entlasten können

Den Investitionskosten steht ein anderer Kostenblock gegenüber. Wenn Stromleitungen fehlen, muss der Netzbetrieb häufiger korrigiert werden. Dann werden Kraftwerke hoch- oder heruntergefahren, erneuerbare Anlagen abgeregelt oder Reserven eingesetzt.

Der Entwurf nennt für Netz- und Systemsicherheitsmaßnahmen im Jahr 2025 vorläufig rund 3,1 Milliarden Euro. Dazu gehören unter anderem Redispatch, Einspeisemanagement, Countertrading und Netzreserve.

Der Gedanke der Bundesregierung ist deshalb: Neue Leitungen kosten zunächst viel Geld, sollen aber langfristig Engpässe verringern. Wenn weniger Eingriffe in den Netzbetrieb nötig sind, können auch die damit verbundenen Kosten sinken. Ob und wann sich das spürbar bei den Netzentgelten bemerkbar macht, bleibt aber offen.

Warum das auch für Gebäude wichtig ist

Auf den ersten Blick betrifft der Beschluss vor allem große Stromtrassen, Übertragungsnetzbetreiber und Genehmigungsverfahren. Für den Gebäudesektor ist er trotzdem relevant. Denn viele Entwicklungen im Gebäudebereich hängen künftig stärker am Stromsystem.

Das gilt etwa für Wärmepumpen und die Modernisierung von Gebäuden. Wenn mehr Gebäude elektrisch beheizt werden, steigt der Strombedarf. Auch die Ladeinfrastruktur in Mehrfamilienhäusern zeigt, dass Stromnetze immer stärker bis in den Gebäudebestand hineinwirken.

Gleichzeitig zeigt der Ausbau erneuerbarer Energien vor Ort, dass Erzeugung, Netze und Verbrauch besser zusammenpassen müssen. Mehr Wind- und Solarstrom allein reicht nicht aus, wenn der Strom nicht zuverlässig transportiert, verteilt und genutzt werden kann.

Der Netzausbau bleibt damit ein zentraler Engpass der Energiewende. Das zeigt sich auch im größeren Zusammenhang des Klimaschutzprogramms 2026: Klimaschutz im Gebäudesektor, in der Industrie und im Verkehr hängt zunehmend davon ab, ob ausreichend erneuerbarer Strom zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar ist.

Warum der Kurswechsel umstritten bleibt

Der stärkere Fokus auf Freileitungen kann den Netzausbau günstiger machen. Das ist der Kern der Regierungsargumentation. Freileitungen sind bei großen Gleichstromtrassen häufig deutlich billiger als Erdkabel. Außerdem kann die Bauphase einfacher sein.

Das bedeutet aber nicht automatisch, dass jedes Projekt schneller fertig wird. Wenn bereits vorbereitete Planungen angepasst werden müssen, kann das zunächst neuen Abstimmungsbedarf auslösen. Auch die Akzeptanz vor Ort kann schwieriger werden, wenn sichtbare Freileitungstrassen statt Erdkabeln geplant werden.

Der politische Konflikt bleibt deshalb bestehen. Die Bundesregierung setzt auf geringere Kosten und mehr Kosteneffizienz im Stromsystem. Kritiker werden dagegen fragen, ob neue Freileitungsplanungen zu mehr Widerstand, mehr Klagen oder zusätzlichen Verzögerungen führen können.

Einordnung: Netzausbau wird zur Kostenfrage der Energiewende

Mit dem Gesetzentwurf verschiebt die Bundesregierung den Schwerpunkt der Debatte. Es geht nicht mehr nur darum, dass Deutschland mehr Stromleitungen braucht. Es geht stärker darum, wie diese Leitungen gebaut werden, was sie kosten und wer die Kosten am Ende trägt.

Die 45 neuen Stromleitungsvorhaben sollen Versorgungssicherheit, Energiewende und europäische Anbindung stärken. Der Wechsel zurück zu Freileitungen soll den Ausbau günstiger machen. Gleichzeitig bleibt offen, ob die neue Linie in der Praxis schneller ist oder ob sie an einzelnen Stellen zunächst neue Konflikte erzeugt.

Für Verbraucherinnen, Verbraucher, Unternehmen und Gebäudeeigentümer ist vor allem eines wichtig: Der Strombedarf wird weiter steigen. Damit werden Netzentgelte, Netzengpässe und die Geschwindigkeit des Netzausbaus zu zentralen Faktoren für die künftigen Energiekosten.

Quellen und aktueller Stand

Grundlage dieses Beitrags sind die Pressemitteilung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie vom 29. April 2026 sowie der Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Änderung des Bundesbedarfsplangesetzes

  • Pressemitteilung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie vom 29. April 2026
  • Gesetzentwurf der Bundesregierung: Zweites Gesetz zur Änderung des Bundesbedarfsplangesetzes (PDF)